Hublot und Erhard Junghans

Ich achte jetzt verstärkt darauf, was mir innerhalb eines völlig unübersichtlich gewordenen Marktes der besonderen Aufmerksamkeit wirklich wert ist – nicht, was es überhaupt an Neuigkeiten gibt. Denn wir befinden uns in einer ziemlich dekadenten Phase, in einer Art „Ausverkauf der mechanischen Tradition“, wo es nur noch ums schnelle Vermarkten durch Erhaschen der allgemeinen Aufmerksamkeit geht, indem modische, auf den ersten Blick auffällige Modelle lanciert werden, die sich nach kurzer Zeit als reine Eintagsfliegen erweisen werden. Immer noch größere Gehäuse und plakativere Zifferblätter; manche mechanischen Uhren lassen sich kaum noch von der neuesten Swatch-Garnitur unterscheiden. Zeitgeist eben: viel Theater, wenig bis gar nichts dahinter, reine Effekthascherei. Und natürlich Protz: Man muß, wenn man (noch) Geld hat, Reichtum und Luxus herzeigen, denn wenn man sonst nichts ist und hat (nichts Inneres, nichts Echtes), will man sich wenigstens so noch bestätigen und unterfüttern können. Das ist für mich genau das Gegenteil einer wertigen, soliden Uhrentradition, die auf Echtheit, auf handwerklich solider Kunst, auf Leistung und Gegenwert beruht.

Zwei Marken stachen für mich aus diesem trüben Vielerlei heraus, und ich bin dabei, mich eingehender mit ihnen zu beschäftigen:
1.
Hublot mit der neueren, durch Jean-Claude Biver angestoßenen Entwicklung und der spektakulären Big Bang. Den Beitrag dazu habe ich gestern ins ZEITGEFÜHL eingestellt. Der Big Bang Chronograph schrammt leicht an meiner oben geäußerten Kritik vorbei, denn auch er weist etliche Merkmale von Zeitgeist-Tam-Tam und Schnellebigkeit auf, aber er hat eben auch noch einiges mehr zu bieten, ein interessantes dahinterstehendes Konzept (Fusion), einen genialen Uhrenkenner und gestandenen Vermarktungsfachmann (Biver) – je länger man sich mit dieser unverwechselbaren, kecken Uhrenkreation befaßt, desto mehr lernt man dabei und bekommt so auch für sich selbst wieder etwas heraus (was z.B. bei den immer gleichen, unendlich öden und einfallslosen Testimonial-Kampagnen nie und nimmer der Fall sein kann).

2.
Erhard Junghans mit den neuen mechanischen Modellen, einem astreinen Unterfangen klassischer Mechanik. Die Unterlagen habe ich bereits erhalten, und mir gefällt daran v.a. der zurückhaltende, feinsinnige Stil, der alte Firmentradition mit neuen Ideen mutig verbindet. Denn alles, was heute noch zurückhaltend und feinsinnig daherkommt, ist bei der abgestumpften Masse schon einmal auf aussichtsloser Position; nur bestimmte Kenner und Feinschmecker mit besseren, sensibleren Nerven werden hier ansprechen und genauer hinschauen. Das ist also genau meine ganz private Wellenlänge.

Ganz gleich, was aus EganaGoldpfeil werden wird (in Hongkong toben wohl gerade die Kreditverhandlungen) – Marken wie Erhard Junghans (und Junghans überhaupt) werden immer standhalten, weil in ihnen Werte geschaffen werden, und zwar nicht nur materielle, sondern auch ideelle (und sogar spirituelle) Werte. Dies ist, wie bei Biver mit Blancpain und Big Bang / Fusion, immer der Ausgangspunkt, so entstehen Marken, so wird Uhrengeschichte geschrieben, und das wissen auch die Investoren ganz genau.

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